Die Anforderungen an die Notfallversorgung in Deutschland wachsen stetig. Mehr Einsätze im Rettungsdienst, Veränderungen in der ambulanten Versorgung und steigende Erwartungen an eine schnelle medizinische Hilfe stellen das System vor neue Herausforderungen. Beim Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizin Kongress (DINK) in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle kamen Fachleute aus Medizin, Rettungsdienst, Wissenschaft und Pflege zusammen, um über aktuelle Entwicklungen, strukturelle Probleme und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.

Ein zentrales Thema des Kongresses war die zunehmende Belastung des Rettungsdienstes. Viele Einsätze betreffen längst nicht mehr nur klassische Notfälle, sondern auch Situationen, in denen andere Versorgungsstrukturen fehlen.

„Wir haben in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme der Einsätze zu verzeichnen“, erklärte der Notfallsanitäter und Gesundheitswissenschaftler Bernhard Gliwitzky, Mitglied des wissenschaftlichen Komitees des Kongresses. „Die Einsätze sind mitnichten immer klassische Rettungsdiensteinsätze, wo es um die Versorgung von Notfallpatienten geht, sondern wir sehen zunehmend mehr Einsätze eigentlich aus dem ambulanten Sektor, wo ambulante Strukturen eben nicht mehr so verfügbar sind, wie man das früher einmal kannte.“

Diese Entwicklung führe dazu, dass Rettungsdienste immer häufiger Aufgaben übernehmen, die eigentlich in den ambulanten Bereich gehörten. Eine mögliche Lösung sieht Gliwitzky in neuen Versorgungsformen außerhalb des klassischen Rettungswagens. „Wir brauchen zusätzlich zum klassischen Rettungsdienst aufsuchende Dienste, die dazu beitragen, Patienten im ambulanten Setting zu lassen, wenn sie eben nicht zwingend in eine Klinik müssen.“

Ressourcen gezielter einsetzen

Auch aus medizinischer Sicht wird eine bessere Steuerung der Einsätze zunehmend wichtiger. Die Notfallmedizinerin Janina Barthe, Sprecherin der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sieht langfristig strukturellen Reformbedarf.

„Die Notfallmedizin in Deutschland steht aktuell noch ganz gut da“, sagte sie. „Aber die Entwicklung in den nächsten Jahren – wenn es so weitergeht wie bisher – wird dazu führen, dass wir in ein Defizit reinlaufen.“

Besonders kritisch sei es, wenn hochqualifizierte Rettungsmittel bei weniger dringlichen Einsätzen gebunden würden. „Wenn wir weiterhin zu jedem Notfall immer nur RTW und NEF schicken, bleiben dann eventuell für die wahren Notfälle keine geeigneten Rettungsmittel mehr.“

Hinzu komme ein Personalproblem im Rettungsdienst. „Die Verweildauer der Notfallsanitäter im Beruf liegt im Schnitt bei etwa sieben Jahren“, so Barthe. „Das ist ein großes Problem. Diese Personen sind gut ausgebildet und für die Notfallversorgung dringend wichtig.“

Interdisziplinärer Austausch als Stärke des Kongresses

Der DINK bringt zahlreiche Berufsgruppen zusammen, die an der Notfallversorgung beteiligt sind – von Notärzten über Pflegekräfte bis hin zu Rettungssanitätern und Wissenschaftlern.

Der Rettungssanitäter und Doktorand Luis Teichmann betonte die Bedeutung dieses Austauschs:
„Der Kongress lebt diese Interdisziplinarität tatsächlich auch. Wir haben hier sehr viele Berufsgruppen vertreten rund um die Notfallmedizin – Physician Assistants, Notfallpflege, Notfallsanitäter, Rettungssanitäter und natürlich auch Notärzte.“

Gerade diese Mischung mache den besonderen Wert der Veranstaltung aus. „Es ist wichtig, dass diese Berufsgruppen hier zusammenkommen, weil wir gemeinsam neue Themen erarbeiten können und uns ständig über den aktuellen Stand der Wissenschaft austauschen.“

Neben strukturellen Fragen werden auf dem Kongress auch medizinische Spezialthemen diskutiert. Dazu gehören beispielsweise toxikologische Notfälle und neue Trends im Bereich von Drogen und Konsumstoffen.

„Wir haben mit Christoph Hüser einen herausragenden Toxikologen hier auf dem Kongress“, sagte Teichmann. „Er informiert uns über neue Trends – etwa neue Vape-Arten oder Konsumformen, die gerade auch unter Jugendlichen auftreten.“

Solche Entwicklungen seien für den Rettungsdienst besonders relevant. „Toxikologische Notfälle sind sehr selten – und gerade seltene Dinge müssen wir häufig trainieren beziehungsweise uns darüber informieren.“

Ausbildung und Zusammenarbeit mit dem zivilen Rettungsdienst

Auch Einrichtungen der Bundeswehr nutzen den Kongress, um ihre Arbeit im Rettungsdienst vorzustellen. Oberfeldarzt Holger Meyer, ärztlicher Leiter des Notarztstandortes am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, erklärte, dass die Rettungswache dort eng mit dem zivilen System zusammenarbeitet.

„Die Kernbereiche der Rettungswache 4 begründen hauptsächlich die primäre Rettung im Bereich der Stadt Koblenz und im Landkreis“, sagte Meyer. Gleichzeitig spiele die Ausbildung eine zentrale Rolle: „Im Bereich der Bundeswehr geht es vor allem um die Ausbildung unserer zukünftigen Notärzte und Notfallsanitäter.“

Zum Einsatz kommen dabei mehrere Rettungsmittel. „Wir halten ein Notarzteinsatzfahrzeug und einen Rettungswagen vor“, erklärte Meyer. „Zusätzlich betreiben wir gemeinsam mit dem Roten Kreuz einen Intensivtransportwagen.“

Die Einsatzzahlen zeigen die Bedeutung des Standorts: „Im letzten Jahr hatten wir für den Intensivtransport etwa 100 Einsätze, für das Notarzteinsatzfahrzeug rund zweieinhalbtausend und für den Rettungswagen ebenfalls etwa zweieinhalbtausend Einsätze.“

Aggression in Notaufnahmen – ein wachsendes Problem

Neben organisatorischen Fragen widmete sich der Kongress auch dem Umgang mit Gewalt und Aggression im Klinikalltag. Die Notfallmedizinerin Sylvia Schacher, Leiterin der Notaufnahme im GFO-Klinikum Engelskirchen, erklärte, dass solche Situationen häufig aus Angst entstehen.

„Notaufnahme und Rettungsdienst sind für Patienten Stresssituationen“, sagte Schacher. „Menschen reagieren auf Stress und auf Dinge, die ihnen Angst machen, häufig mit Wut und Aggression.“

Um Eskalationen zu vermeiden, sei Kommunikation entscheidend. „Wenn wir es schaffen, den Patienten im Vorfeld Sicherheit zu vermitteln und Klarheit über die Abläufe zu schaffen, können wir viele Situationen schon entschärfen.“

Gleichzeitig brauche es aber auch strukturelle Schutzmaßnahmen für das Personal. Dazu gehören beispielsweise sichere Rückzugsräume oder Notrufsysteme in den Behandlungsbereichen.

Organisation, Technik und neue Versorgungswege

Der Kongress machte deutlich, dass die Zukunft der Notfallmedizin nicht nur von medizinischen Innovationen abhängt. Ebenso wichtig sind organisatorische Veränderungen, digitale Unterstützungssysteme und eine bessere Verzahnung verschiedener Versorgungsbereiche.

Viele Fachleute sind sich einig: Nur wenn Rettungsdienst, ambulante Versorgung, Pflege und Kliniken enger zusammenarbeiten, lässt sich die steigende Nachfrage langfristig bewältigen. Veranstaltungen wie der DINK bieten dafür eine wichtige Plattform – um Erfahrungen auszutauschen, neue Konzepte zu diskutieren und gemeinsame Lösungen zu entwickeln.

(red [LW])